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Sep
18

Watzmannüberschreitung – Kondition statt Carbon

Land: Deutschland
Datum: 21. + 22. August 2015
Region: Berchtesgaden

Vorgeschichte:
Watzmann (42)Der Berg ruft. Und nicht irgendein Berg, sondern einer der höchsten Deutschlands. Mit meinem Bruder, der in Salzburg wohnt und die Berge vor der Haustüre hat, haben wir uns lange im Voraus für eine Tour verabredet – nach Gaisberg, Untersberg und Hochstaufen, sollte es nun der Watzmann sein. In der Hoffnung, dass das Wetter passt, fieberten wir dem Wochenende entgegen.

Nun ist die Tour bereits vollbracht. Mit einem ordentlichen Muskelkater in den Oberschenkeln, schreibe ich den Bericht und bin noch voller Euphorie. Es immer wieder faszinierend, welch gutes Gefühl einem die Berge verschaffen, trotz der Anstrengung die man durchlebt. Außerdem ist wieder einmal bestätigt, dass man meist mehr schafft, als man denkt.

Tag 1 / Ramsau Wimbachbrücke – Watzmannhaus
Watzmann (2)Mit dem Bus fuhren wir zu zweit von Salzburg nach Ramsau, um hinauf zum Watzmannhaus zu steigen. Oben waren wir mit Chris verabredet, der an dem Tag mit dem Auto anreiste und etwas später am Startpunkt ankam.
Gemeinsam mit einem Regenschauer fuhren wir in Ramsau ein. Ich zog mir gleich die Regenjacke über und verpasste meinem Rucksack die Regenhülle. Kaum erledigt, ließ der Schauer auch schon nach. Also wieder raus aus der Klamotte. Es ging sogleich Bergauf und wir kamen schnell ins schwitzen. Schnell ist der richtige Ausdruck, denn Simon legte ein gutes Tempo vor und ich hielt mich ran, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Der Aufstieg ist mit 4h angeschrieben. Wir kalkulierten mit 3h. Der Weg führt stetig Bergauf, mit nur wenigen flachen Zwischenpassagen. Wie so oft, wenn man eine Tour im Tal startet, verläuft auch hier die Route zunächst auf einem breiten, geschotterten Weg. Nach halber Wegstrecke wechselt man auf einen schmäleren Pfad. Die Umgebung wird zunehmend eindrucksvoller. Und so marschierten wir, das Watzmannhaus im Blick, durch grünes Gefilde und ließen Höhenmeter um Höhenmeter hinter uns.
Watzmann (4)Neben einem Unterstand für Kühe, legten wir eine kurze Pause ein. Schweißgebadet frierte uns der Wind schnell aus. Also weiter zum Schlussanstieg, vorbei an grasenden Kühen und entgegenkommenden Tagesausflüglern. Ich muss wohl ziemlich angestrengt ausgesehen haben, denn einer der Wanderer erklärte mir aufmunternd, dass ich es gleich geschafft hätte. Er konnte ja nicht ahnen, dass wir dabei waren unsere geplanten 3h zu unterbieten.
Watzmann (8)Nach 2h und 45 Min. erreichten wir schnaufend das Haus, entledigten uns unserer Schuhe und bezogen das reservierte Lager. Wir spekulierten darüber, wie lange Chris wohl für den Aufstieg brauchen würde und waren fest davon überzeugt, dass er in jedem Fall länger als wir benötigen würde. Gerade als wir die Gaststube betreten wollten, sahen wir ihn auch schon auf der Bank vor dem Trockenraum sitzen. Er verkündete uns, dass er nur 2h und 30 Min. unterwegs war. Mist, und wir hatten uns schon jede Menge tolle Sprüche ausgedacht, um ihm von unserer Spitzenzeit zu berichten. Das ganze relativierte sich wieder, als wir nach dem schnellsten absolvierten Aufstieg fragten und erfuhren, dass dieser unter einer Stunde lag.
Noch ein Ankunftsbier auf der Terrasse und dann rein in die warme Stube. Mit Kniffel verkürzten wir uns die Wartezeit bis zum Abendessen. Anschließend drehten wir noch eine Runde um die Hütte. Dort herrschte eine tolle Stimmung. Um uns herum wurde es zunehmend dunkler und wir blickten auf das kleine Lichtermeer im Tal. Hinter uns ragte Watzmann und seine Kinder empor. In Vorfreude auf den nächsten Tag, und die bevorstehende Überschreitung der Gipfel, ließen wir uns in die Betten fallen.

Tag 2 / Watzmannhaus – Ramsau Wimbachbrücke
Um 5 Uhr in der Früh verließen die ersten das Lager. Wir schlummerten noch eine Stunde und nutzten dann den Platz im Zimmerlager, um unsere Rucksäcke zu packen. Die Klettersteigsets wurden griffbereit verstaut. Dann noch ein paar Scheiben mitgebrachtes Brot und ein Heißgetränk in der Stube und wir waren startklar. Punkt 7 Uhr, wie am Abend zuvor geplant, stiefelten wir los.Watzmann (13)
Und der Berg kennt keine Gnade. Es ging sofort bergauf. Zeit um sich gemütlich warmzulaufen, fehl am Platz. Ich trottete noch etwas schlaftrunken hinter den zwei Jungs her. Ab und an wurden wir überholt oder überholten selbst vorangehende. Bei voller Hütte mit 219 Schlafplätzen war zu erwarten, dass es voll werden wird.
Es war ziemlich frisch an diesem Morgen, vermutlich im einstelligen Bereich. Doch mit Sonnenschein im Nacken, mussten wir schon bald eine Schicht ausziehen. Nachdem wir den ersten knackigen Anstieg hinter uns hatten, kamen wir zügig voran und erreichten vor der angegebenen Zeit das Hocheck. Die Wolken zogen über uns hinweg und der Wind frischte etwas auf.Watzmann (17) Zeit um Mütze und Handschuhe zum Einsatz kommen zu lassen. Auch die Klettergurte wurden angelegt. Sicher ist Sicher. Wir haben viel im vorhinein gehört und die meisten Meinungen ließen verlauten, dass man sich nicht sichern müsste. Da wir nun mal alles dabei hatten zogen wir es auch an. Im Verlauf pickten wir uns ab und an ein, doch an vielen Stellen gab es gar keine Vorrichtung, um sich zu sichern. Nervenkitzel war also in jedem Fall mit dabei und absolute Konzentration war gefordert.
Vom Hocheck war es nicht mehr weit bis zur Mittelspitze. Watzmann (44)Wir waren umgeben von einem Wahnsinns-Panorama. Zum Schauen und Genießen mussten wir stehen bleiben. Um einen Blick auf den Königssee zu erhaschen, reckten wir unsere Köpfe über den Rand. Sehr sehr schön, wie er so blau und ruhig im Tal liegt und wir 2000 Meter über ihm den Watzmanngrat entlang kraxeln. Letzteres war nicht immer einfach. An manchen Stellen, meist abwärts, hatte ich etwas zu kämpfen. Mein Fuß war mehrmals auf Bauchhöhe, um mit dem anderen Fuß einen darunter liegenden Tritt zu erreichen. Ja, mit kurzen Beinen hat man es hin und wieder schwer. Doch mit etwas Unterstützung und hilfreichen Tipps, gut zu meistern.
Watzmann (34)Von der Mittelspitze zur Südspitze ist es nochmals ein ganzes Stück Arbeit. Es geht mehrmals hoch und runter, über abenteuerliche und zugleich atemberaubende Stellen. Unter anderem sieht man auf auf die Ostwand.
Während ich in Bewegung war und den Weg vor mir fixierte, nahm ich die Tiefe, die uns umgab gar nicht richtig wahr. Zum Glück, denn wenn man hinunter schaut, kann es einem schon ein bissche mulmig werden. Doch das ist schnell wieder ausgeblendet, sobald man weitergeht. Mit vollem Körpereinsatz erreichten wir, nach rund 5 Stunden Gehzeit, schließlich die Südspitze. Am Gipfelkreuz machten wir, zusammen mit einigen anderen, eine größere Pause und schwelgten in Zufriedenheit und Faszination. Der erste Teil der Überschreitung ist an diesem Punkt geschafft, dann folgt der zweite Teil. Der als anstrengend, lang und steil beschriebene Abstieg. Da dieser hohe Steinschlaggefahr aufweist, zogen wir unsere Helme an.
Watzmann (51)So steil wie der Aufstieg am Morgen begann, so steil beginnt auch der Abstieg. Das Kraxeln ist hier noch lange nicht zu Ende. Wir gingen davon aus, dass viel Geröll auf uns wartet, das man hinunter Surfen kann. Und wir dachten auch, wir würden schnell voran kommen. Beides falsch. Wir waren ganz schön langsam. Wir mussten immer wieder die Hände einsetzten und so packten wir nach dem ersten kleinen Geröllfeld die Stöcke auch schon wieder weg, nachdem wir sie erst kurz zuvor einsatzbereit gemacht hatten. Es ist schon eine kleine Tortur mit dem Abstieg. Nach jeder Passage die man zügig laufen kann, kommt auch wieder eine steile Stelle die Konzentration fordert. Mit einfachem Ablaufen ist es nicht getan, zumindest nicht für uns. Sehnsüchtig hielten wir Ausschau nach der Wimbachgrieshütte, die in uns Fantasien von leckeren Essen und erfrischenden Getränken hervorrief. Die Hütte konnten wir zwar noch nicht ausmachen, dafür aber ein paar Gemsen und später auch einen Wasserlauf der für eine Erfrischung sorgte. Nach ca. 3h, ab der Südspitze, erreichten wir schließlich das Tal. Der Blick zurück lies uns staunen – da oben sind wir tatsächlich gewesen.
Watzmann (57)Eine knappe halbe Stunde ging es nun noch auf feinem, weichen und weißem Schotter, der sich wie Sand unter den Füßen anfühlte, Richtung Hütte. Trotz kleinem Motivations-Durchhänger, war die Landschaft mehrere Blicke wert. Die Bäume ragen aus der Schotterwüste empor und eingerahmt war das Ganze von einem Ring aus hohen Bergen. Wow, also abwechslungsreich ist es allemal. Gegen 16 Uhr war es dann endlich soweit. Schuhe aus, Beine hoch und Durchschnaufen. Bei Speckbrot, Käsebrot und diversen Getränken füllten wir unseren Energiehaushalt nochmals auf, um die letzten 10km das Tal vor zu laufen.
Wir tauschten die Wanderschuhe gegen Laufschuhe ein (diese dienten uns am Abend zuvor auch gleich als Hüttenschuhe) und erreichten so leichtfüßig, nach 1 1/2 Stunden in leicht abwärts verlaufendem Gelände, den Parkplatz an der Wimbachbrücke. Dieser Abschnitt erscheint einem in Anbetracht der Kilometer zwar lang, doch er ist zügig zu absolvieren und obendrein noch schön anzusehen. Vor allem das Stück, das an der Wimbach entlang führt. Glasklares Wasser rauscht an einem vorbei und lädt zu einem Fußbad ein. Dieses hoben wir uns jedoch auf, bis wir am Parkplatz waren. Und auch da ist es nur was für ganz abgehärtete.
Mit körperlicher Erschöpfung und vielen schönen Bildern im Kopf, fand unsere bislang längste Tour ihr Ende.

Fazit:
Eine lohnenswerte Tour für Bergerfahrene und Konditionsstarke. Ob nun ein Klettersteigset unbedingt nötig ist oder nicht, sollte jeder selbst für sich entscheiden. Ich fand es gut eines dabei zu haben, sei es auch nur für den psychologischen Effekt.
Eine Übernachtung in der Wimbachgrieshütte ist aus unserer Sicht nicht unbedingt nötig. Wenn man es bis hierher geschafft hat, sind die letzten 10km auch noch machbar. Das mit den Turnschuhen war an dieser Stelle wirklich Gold wert.
Ach ja, und Muskelkater gibt es auch noch gratis dazu.

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1 Kommentar

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  1. Tiroler sagt:

    Sehr unterhaltsamer Blog mit schönen Touren – herzliche Grüsse aus der Region Hall-Wattens in Tirol!

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